Mit der digitalen Revolution wurde ein Shitstorm (steht übrigens wirklich im Duden) junger Menschen in ihren Bann gezogen. Die Babyboomer produzieren „Shitstormer“ – ein interessanter Gedanke. Für dieses Wortspiel habe ich weiß Gott keinen Grimme-Preis verdient, aber es gibt Anlass zu einer schlechten Überleitung zum eigentlichem Thema.

Die Game-Boy-Color-Gilde hatte von heute auf morgen die Möglichkeit sich im Internet auszutoben. Damals per Modem und nur für 10 Minuten, weil das damals noch richtig Geld gekostet hat. Können sich heutige Digital Natives nicht vorstellen. Klingt komisch, ist aber so.

Die veraltete Technik wurde überholt, die veraltete Denkweise der Internetnutzer nicht. Es gibt mehrere Aspekte, die zeigen, dass heute die Wenigsten vernünftig mit dem Internet umgehen können.

Da gibt es die, die immer online sind. Volkswagen musste beispielsweise seinen Email-Dienst nach Feierabend abstellen. Die Arbeitnehmer waren immer erreichbar, was diese natürlich unheimlich gestresst hat. Klingt wieder komisch, ist dennoch erneut so. Vernunft und eine gewisse Kompetenz, wie man mit dem Medium umzugehen hat, war Ihnen allerdings fremd. Eine simple Idee – zum Beispiel das Handy nach Feierabend auszuschalten – kam ihnen nicht in den Sinn. Schnelllebige Zeit hin oder her, man ist immer noch selbst dafür verantwortlich potentielle umgängliche Stressquellen zu beseitigen. Heutzutage vermutlich eher noch als jemals eine Generation vor uns.

Zu dieser Sparte zählen auch die privaten User. Nur-Whatsapp-Wahrnehmer und Facebook-Fernmelder, die keine 2 Minuten vergehen lassen können, ohne ihr Smartphone eines Blickes zu würdigen. Es gibt ja Studien, die belegen, dass das Klugtelefon ein prestigereicheres Statussymbol ist, als ein Auto. Noch Fragen?!

Es ist zudem ironisch, dass man mit Leuten in der Ferne immer im Kontakt steht, mit denen, die unmittelbar um einen herum stehen, aber nicht. Du bekommst eine IM aus Grönland, aber isolierst dich in den öffentlichen Verkehrsmitteln von deiner direkten Umgebung mit Kopfhörern und TV-Shows auf dem Tablet. Die sozialen Fähigkeiten beziehungsweise Kompetenzen verkommen, sind nur noch rudimentär ausgebildet. Es gibt nur noch öffentlichen Raum, der von seelenlosen Dosen gefüllt mit verkommenem Inhalt besetzt wird. Oder ohne Inhalt. Ihr leeren Dosen. Wir leeren Dosen.

Trennt euch vom Internet oder euren Kopfhörern in der U-Bahn, seid mal nicht erreichbar.

Was bei Facebook vergessen wird ist, dass man nicht bloß posted, sondern publiziert. Ich konnte die Scheidung der Eltern einer Mitschülerin als Live-Stream bei besagtem Netzwerk mitlesen. Dies ist mit Sicherheit ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit und ein Zeugnis für das Fehlen von Freundschaft und Zuneigung – also absolut negativ behaftet – aber dennoch gehört so etwas nicht veröffentlicht.

Der Profilierungswahn hat vermutlich ähnliche Gründe. Dürre junge Frauen (oder die, die es mal werden) knapp bekleidet vor einem Spiegel kennt heutzutage jeder. (Frag mal deinen Opa, ob er so etwas kennt. Nun, vielleicht kennt er es. Dann #R.E.S.P.E.C.T. #yolo #opa) Diese Damen wollen natürlich (vielleicht unterbewusst) schriftlich und öffentlich bestätigt bekommen, dass sie attraktiv sind. Andersherum entsteht hierdurch auch das schon in jeder Talkshow durchsezierte Thema des Mobbings im Internet. Eben, wenn das Spiegel-Mädchen nicht so hübsch ist.

Alles in allem sind sich Menschen nicht bewusst, dass alles der breiten Masse zugänglich gemacht wird (privates wird öffentlich) und dass jeder Mensch sofort bewertet. In einem indirekten Kontakt (ich habe das Spiegel-Mädchen nicht vor mir) neigt man dazu seine Meinung sofort auszusprechen bzw. auszuschreiben. Das Mädchen kann mir nichts erwidern oder mich verletzen, wie es bei direktem Kontakt stattfinden würde. Stehe ich vor ihr und würde ihr meine Meinung geigen, würde ich vermutlich vor Scham erröten. Wie kann ich nur so etwas oberflächliches sagen?! Denn allein schon ihre Reaktion, die sich in Mimik und Gestik ausdrückt, kann mich beeinflussen. Wenn ich dem Spiegel-Mädchen über Facebook sage sie sei nicht hübsch, sondern ein Pottwal ohne Freunde, kann sie mir gar nichts. Und vermutlich mache ich das noch nicht einmal mit meinem Klarnamen also komplett anonym.

Spieglein, Spieglein an der Wand… Wer ist die Schönste im ganzen Land? …die Facebook-Wall verrät es.

Bewusst eigenes publizieren, nicht immer seine Meinung herausposaunen.

Ich weiß, dass meine Generation für immer die sein wird, die das Internet hervorgebracht hat. Nerds sind auf einmal cool und Politik bewegt sich um Wikileaks und Snowden. Das ist zwar interessant, war aber nie in meinem Sinne. Ich bin eher ein altmodischer Typ (Liebe zum Vinyl und der Zeitung aus Papier) weiß aber mich mit Neuem zu arrangieren. So entsteht auch so etwas prinzipiell schönes, wie ein Blog (ohne Mode ausnahmsweise). Viele ältere Leute sind mit diesem Medium überfordert und viele jüngere zu naiv. Wie paradox ist das denn? Letzten Endes kann also niemand hiermit umgehen. Was für ein Gedanke. Ich denke, dass eine Gegenbewegung stattfinden wird – nein ich hoffe – weg vom Internet, heraus aus den vier Wänden und sozialisierender.

Ich freue mich schon darauf und gehe heute Abend genüsslich mein Bier in guter Gesellschaft trinken.

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